
Ich habs satt. Ich muss dringend in die Runde bitten, endlich damit aufzuhören, jeden Tag aufs Neue die Medien mit Hiobsbotschaften zur "Krise" zuzukleistern. Nachrichten lesen ist so, als ob man eine Straße runterläuft, die rechts und links mit Plakaten gespickt ist, auf denen steht "Wir sind im Arsch", "Schlimmer gehts immer", "Bitte jetzt Panik".
Zuersteinmal geht ständig ein neues europäisches Land vor die Hunde, sprich, es muss unter den
"Rettungsschirm". Natürlich nicht einfach mal so flugs, hey, komm her Du Land, zapp, Schirmchen auf, alles schön. Nein, das geht dramaturgisch eindrucksvoll vor sich: das Land wird erst scheinheilig angequatscht,
will nicht, wird daraufhin immer stärker bedrängt, wehrt sich tapfer, doch wird herabgestuft von Rating-Agenturen,
die Zocker am runden Finanzpokertisch machen Ihre Einsätze, da verdunkelt der bereits aufgespannte Schirm die Sonne über dem Land, es senkt resigniert die Fäuste - und dann prasseln die Milliarden.
Dann kommt die Wut. Denn die Milliarden sind unsere Steuergelder und bekommen tun sie die Banken und die Regierungen. Also jene
Krawattenscheißer Strippenzieher, die uns die ganze Misere überhaupt eingebrockt haben und mit dem Geld wieder denselben Unfug anstellen, wegen dem das Geld überhaupt erst fließen musste. Perverslinge. Is doch wahr. Oder? Nicht? Na wie gesagt, ich hab ja eh keine Ahnung. Aber dafür so'n Hals.
Jedenfalls muss man über radikale Lösungsansätze nachdenken. Deshalb wird regelmäßig das Zerschlagen der Eurozone laut durchgedacht und dabei in den schwärzesten Farben vor den katastrophalen Folgen des Endes gewarnt - und vor denen des Fortbestehens. Da wechseln sich die Experten turnusmäßig ab.
Und wer spricht eigentlich vom gemeinen Volk in diesem ganzen Affentheater? Das Volk selbst. Die Menschen werden nämlich regelmäßig befragt zu Ihrer Einstellung zur Zukunft. Haben Sie Angst um Ihren Arbeitsplatz? Um Ihr Erspartes? Um Ihren Gartenzwerg?
Aber ja doch!
Was sollen die Leute denn bitte anderes sagen, als dass sie schwarz sehen? Sie sehen ja nichts anderes als die Informationen der Medien. Selbst wenn ihnen vielleicht gerade noch die Hunnis aus dem Portemonaie quellen und die Sonne aus dem Arsch scheint. Es
muss ja demnächst alles schlechter werden, denn schließlich brennt es ja schon an allen Ecken und Enden. Wer da nicht selbst schon den Qualm riechen kann, ist naiv!
Aber wem brennt denn bitte tatsächlich der eigene Rockzipfel? Mal das Szenario gespielt, es gäbe keine Nachrichten, also auch keinen, der ständig "Krise, Krise, Krise!" schreit. Hätte dann irgendwer den Eindruck, dass etwas nicht stimmt?
Ich sehe so unheimlich viel Wohlstand in unseren Breitengraden. Nicht nur in meiner unmittelbaren Umgebung, sondern auch in denselben Medien, die von der Krise jammern. Und inmitten all diesen Wohlstandes auch die unvermeidliche Armut und Arbeitslosigkeit. Doch die kommt nicht von einer Krise, sondern aus der Natur unseres Systems. Hört deshalb auf, unser krankes System aus Lobbyismus, Gier und Skrupellosigkeit als Krise zu verharmlosen. Was da passiert ist nicht temporär und auch keine gottgesandte Plage, sondern ein Sympton der Art und Weise, wie unsere Spezies die Erde bewirtschaftet.
Wenn tausende Menschen eines Großbertriebes ihre Jobs verlieren, dann liegt das daran, dass irgendwer
grob misswirtschaftet oder aber
ohne Rücksicht auf Verluste rationalisiert. Oder aber daran, dass der Betrieb nicht mehr wettbewerbsfähig ist, weil die Ex-Kundschaft jetzt woanders billiger einkaufen kann. In keinem Fall liegt es an irgendeiner Krise.
Wenn Rentner plötzlich von den paar staatlichen Brotkrümeln leben müssen, weil die Bank ihre
Altersvorsorge verzockt hat, dann liegt das an skrupelloser Geldgeilheit der obengenannten Strippenzieher. Und nicht an irgendeiner abstrakten Krise.
Und wenn mal eine Wirtschaft in einem Quartal um ein
paar zehntel Prozentpunkte weniger leistet als zuvor, dann ist das nicht gleich die Abwärtsrutsche Richtung Tore der Hölle (also keine Krise) sondern der Konjunkturzyklus oder anders gesagt: einfach nur eine kleine Delle im stetigen Auf- und Abschwung.
Also bitte, bitte hört auf, eine "Krise" zum Lebensinhalt aller Menschen zu machen. Berichtet über die internationale Wirtschafts- und Finanzlage in einer ausbalancierten Intensität. Will sagen: erzähl Deiner Muddder von der Krise!